Platz 4 Team Andro Schreibwettbewerb 2014

Wir, die Weltoffenen

Vergangenes Wochenende stand ein Besuch bei meinen Eltern an. Ich bin gerne bei ihnen, denn in ihrem Haus herrscht Ruhe. Das bebaute Grundstück liegt außerhalb der Stadt und strahlt nur so von Erholung und Wohlfühlatmosphäre. Man lässt die Seele baumeln, während die beiden Stubentiger ein beruhigendes Schnurren von sich geben. Selbst das Training lasse ich an so einem Wochenende hinter mir - selbstverständlich unter der Voraussetzung, dass die Trainingstage zuvor von höchster Intensität und lautem Schnaufen geprägt waren.

BB-spezifische Essgewohnheiten werden von mir genauso rücksichtslos zurück gelassen, wie die vollgepackte Langhantel des Discopumpers, der seinen Bizeps im Reck für die anstehende Partynacht malträtiert hat.

Wobei das nicht zwingend notwendig wäre.
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    Meine Eltern gehören zu jener gesellschaftlichen Minderheit, die meine für den Außenstehenden skurrilen Essgewohnheiten fast vollständig tolerieren. Immerhin waren sie es, die mir meine ersten Jahre im Fitnessstudio und die damit einhergehende Umstellung der Ernährung finanziell ermöglichten - Vielen Dank!
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Nachdem der Topf mit Spaghetti, Jagdwurst, Tomatensoße und Gouda verzehrt wurde und das Eis es auch noch in den Magen geschafft hatte, kam in mir ein dunkles Verlangen zum Vorschein. Schnell sprang ich vom Sofa auf, kramte in meiner Tasche und legte mich, mit der Flex in der Hand, wieder nieder. Ganz ohne Bodybuilding geht es eben doch nicht!

Als ich die ersten Seiten aufschlug, um Phil Heath in seiner vollen Pracht zu bewundern, hagelten rasch die strengen Worte meiner Mutter auf mich nieder: "Aber so willst du doch nicht bald aussehen!"

Sie machte sich nicht einmal mehr die Mühe, die Aussage in einer Frage zu verstecken. Klare Anweisungen wurden von ihr gegeben, wie früher als ich noch zur Schule ging.

Team Andro Schreibwettbewerb 2014 - Platz 5: Konsumverhalten der Fitnessszene

"Natürlich nicht Mama. Ja Mama. Ich werde das noch machen, Mama. Versprochen Mama."
Ich hörte eine Abneigung aus ihrer Stimme heraus. Wie konnte sie nur. Meine eigene Mutter verachtete den amtierenden Mr. Olympia Phil "The Gift" Heath und das nur wegen seines Aussehens. Zeitgleich dachte ich mir, dass sie sich ein Beispiel an uns nehmen sollte.  
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    Niemals würden wir, die weltoffenen Hobby-Bodybuilder, andere Menschen auf Grund ihres Aussehens, ihrer Essgewohnheiten, ihrer Alltagsbewegung oder ihrer Leichtgläubigkeit gegenüber Wunderdiäten verurteilen.
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Niemals würden wir schlecht über den schwabbligen Mann denken, der keuchend neben uns sitzt und einen Burger aus seiner fettigen und triefenden Burger-Tüte holt. Niemals würden wir uns über die Möchtegern-Sportler lustig machen, die glauben Crossfit wäre eine akzeptable Alternative zum Kraftsport. Ja nicht einmal über die ignorante Mutter regen wir uns auf.  

Wir bleiben gelassen, diskutieren sachlich, akzeptieren jegliche Kritik und tolerieren Jeden. Ich sage das, was wir alle wissen: Wir sind das perfekte Vorbild für die Menschheit.

Im Fitnessstudio helfen wir selbstlos dem zu stark parfümierten und übermotivierten Spargeltarzan beim Erreichen seines neuen PR - einer vollständigen Rom. Im Internet beantworten wir alle Fragen von Neulingen immer und immer wieder mit höchster Konzentration und Ernsthaftigkeit, selbst wenn dieser schon die Nadel am Hintern angesetzt hat. Untereinander ergänzen wir uns zudem so perfekt, dass mit jedem neuen Beitrag der vorher gepredigte Trainingsplan über den Haufen geworfen und ein noch perfekterer Plan präsentiert wird.

Das alles machen wir selbstverständlich ohne jegliche Hintergedanken. Wir helfen, weil wir selbstlos sind. Wir wissen, dass wir besser sind und möchten dazu beitragen, dass andere genauso gut werden. Und sollten sie am Ende einen größeren Bizeps haben, sind sie eh nicht mehr natural unterwegs und darum nicht mit uns zu vergleichen.

Doch wie in jeder perfekten Gesellschaft gibt es auch unter den Hobby-Bodybuildern einige schwarze Schafe. Jene, die sich für etwas Besseres halten und mit einer grenzenlosen Arroganz durch Studio und Leben schreiten. Diejenigen sollten sich immer wieder vor Augen halten, wie sie mit unserer Leidenschaft begonnen haben. Dass sie nicht immer die, von außen betrachtet, Prachtkerle waren, die sie heute sind. Auch sie haben fettige Burger gegessen, auch sie haben nach Tipps gefragt, um möglichst viele Informationen zu sammeln. Niemand kann Vegetarier leiden. Also den Anteil der meint, jedem seine Meinung aufdrängen zu müssen. Diese Aussage lässt sich generell auf alle übertragen.

Letztendlich habe ich meine Mutter - entgegen jeglicher Vernunft - nicht enterbt. Nach einem versöhnlichen Mitternachtssnack: "Mutti, hast du was Süßes da, BITTE!?" haben sich die Fronten gelockert und das Wochenende nahm ein versöhnliches Ende.

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Bild: Matthias Busse

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