Mittel gegen Stress?

Wirkung von Ginkgo auf einen Anstieg von Kortisol und Blutdruck

Ginkgoextrakt ist bekannt dafür, dass es die Durchblutung verbessert und es wird häufig zur Verbesserung der mentalen Leistungsfähigkeit eingesetzt. Auch wenn neuere Studien darauf hinweisen, dass Ginkgo bezüglich einer Verbesserung des Gedächtnisses wahrscheinlich keine signifikante Wirkung besitzt, könnte es unter Umständen aus anderen Gründen für Sportler von Interesse sein.

Training, Stress und Kortisol

Bei starken körperlichen und geistigen Anstrengungen schüttet der Körper erhöhte Mengen des Stresshormons Kortisol aus. Viele Sportler fürchten eine solche Steigerung der Kortisolausschüttung in Reaktion auf intensive körperliche Anstrengungen, da Kortisol ein kataboles Hormon ist und somit einen Abbau von Muskelgewebe fördern und den Aufbau von neuem Muskelgewebe reduzieren kann. In diesem Zusammenhang sollte erwähnt werden, dass Kortisol ein lebenswichtiges Hormon darstellt, ohne das der Körper nicht richtig funktionieren kann. Es ist also nicht wünschenswert, die Kortisolausschüttung generell zu blockieren. Wünschenswert wäre hingegen eine Reduzierung oder eine vollständige Verhinderung einer gesteigerten Kortisolausschüttung in Reaktion auf körperlichen oder mentalen Stress.

Ginkgo und Kortisol

Eine im Jahr 2002 in der Slowakei durchgeführte randomisierte Doppelblindstudie zeigte einen interessanten Zusammenhang zwischen einem Ginkgoextrakt und der stressbedingten Erhöhung von Kortisolspiegeln und Blutdruck (1). Bei dieser Studie wurden Männer und Frauen sowohl morgens als auch am Nachmittag einem Stresstest ausgesetzt, der sich aus einer Kombination von mentalem und körperlichem Stress zusammensetzte. Die mentale Komponente des Tests bestand aus einem Gedächtnistest und die körperliche Komponente bestand aus einem 3 Minuten andauernden statischen Handgrifftraining.

Diese Tests stellten keine starke Belastung und somit auch keinen starken Stress dar, was zur Folge hatte, dass nur bei Männern und nur bei den Nachmittagstests eine Erhöhung der Kortisolspiegel in Reaktion auf den Test gemessen werden konnte. Dies war nicht überraschend, da die Kortisolreaktion auf Stress sowohl vom Geschlecht als auch der Tageszeit abhängig ist.

Interessanterweise konnte gezeigt werden, dass die Gabe von 120 mg eines Ginkgoextrakts (EGb 761) 30 Minuten vor Beginn des Stresstests bei Männern die ohne Ginkgo beobachtete stressbedingte Erhöhung der Kortisolspiegel vollständig verhindern konnte.

Auswirkungen von Ginkgo
Abbildung 1: Kortisolspiegel vor und nach einem mentalen und körperlichen Stresstest bei Männern ohne (Placebo) und mit Gabe eines Ginkoextrakts (EGb 761).


Ginkgo und die stressbedingte Erhöhung des Blutdrucks

Zusätzlich zu diesen Beobachtungen sollte erwähnt werden, dass Ginkgo außerdem die Erhöhung des Blutdrucks in Reaktion auf die körperliche Komponente des Stresstests signifikant reduzierte. Dies könnte besonders für Kraftsportler, die unter einer Erhöhung des Blutdrucks leiden, interessant sein.

Auswirkungen von Ginkgo
Abbildung 2: Erhöhung des systolischen und diastolischen Blutdrucks während eines körperlichen Stresstests ohne (Placebo) und mit Gabe eines Ginkoextrakts (EGb 761).


Mögliche Mechanismen

Eine in vitro Studie aus dem Jahr 2002 gibt einen Hinweis darauf, über welchen Mechanismus ein Ginkgoextrakt die Kortisolproduktion hemmen könnte (2). Im Körper wird Kortisol genauso wie das männliche Hormon Testosteron aus Cholesterin hergestellt. Der die Rate der Kortisolproduktion limitierende Schritt ist bei diesem Prozess der Transport von Cholesterin aus dem intrazellularen Bereich zur inneren Mitochondrialmembran. Bei diesem Transport spielt der so genannte PBR (peripheral-type Benzodiazepine Receptor) Rezeptor eine Schlüsselrolle. Eine in Ginkgo enthaltene Verbindung namens Ginkgolid B hemmt die Ligandbindung und Proteinexpression des PBR Rezeptors. Dies hat zur Folge hat, dass die Kortisolherstellung aus Cholesterin gehemmt wird, was in niedrigeren Serumkonzentrationen von Kortisol resultiert.

Neben dieser akuten Hemmung der Kortisolproduktion scheint auch eine chronische Ginko Administration eine Auswirkung auf die Kortisolproduktion zu besitzen (3). Auch hier ist das bereits erwähnte Ginkgolid B die Schlüsselkomponente, welche bei längerfristiger Gabe die Anzahl der adrenalen peripheren Benzodiazepin Rezeptoren (PBR Rezeptoren) reduziert, was in einer reduzierten Ausschüttung des Corticotrophin Releasing Hormons (CRH) resultiert. Da CRH die Produktion von Kortisol in der Nebennierenrinde anregt bzw. steuert, führt eine geringere CRH Ausschüttung folglich auch zu einer geringeren Kortisolproduktion.

Fazit

Die Studie gibt einen klaren Hinweis darauf, dass Ginkgoextrakte, die vor einer körperlichen oder mentalen Stresssituation eingenommen werden, eine stressbedingte Erhöhung der Kortisolspiegel verhindern oder zumindest reduzieren könnten. Da der bei der zitierten Studie (1) verwendete Stresstest keine hochintensiven körperlichen Anstrengungen, wie diese bei einem hochintensiven Training mit Gewichten involviert sind, umfasste, bedarf es jedoch noch weiterer Untersuchungen, um eine Aussage darüber treffen zu können, ob die Wirkung eines Ginkgoextrakts auch in diesem Szenario ausreicht, um die stressbedingte Erhöhung der Kortisolspiegel signifikant zu reduzieren. Da es sich bei Ginkgoextrakt um ein Pflanzenextrakt ohne bekannte Nebenwirkungen handelt, kann eine prophylaktische Supplementation vermutlich nicht schaden.

Referenzen:

  1. Jezova, D. and Duncko, R. and Lassanova, M. and Kriska, M. and Moncek, F., Reduction of rise in blood pressure and cortisol release during stress by Ginko biloba extract (EGb 761) in healthy volunteers. Journal of physiology and pharmacology, 2002, Ausgabe 53, Nummer 3, Seite 337-348
  2. AMRI, H. and DRIEU, K. and PAPADOPOULOS, V., Use of ginkgolide B and a ginkgolide-activated response element to control gene transcription: example of the adrenocortical peripheral-type benzodiazepine receptor. Cellular and molecular biology, 2002, Ausgabe 48, Nummer 6, Seite 633-639
  3. Marcilhac, A. and Dakine, N. and Bourhim, N. and Guillaume, V. and Grino, M. and Drieu, K. and Oliver, C., Effect of chronic administration of Ginkgo biloba extract or Ginkgolide on the hypothalamic-pituitary-adrenal axis in the rat. Life sciences, 1998, Ausgabe 62, Nummer 25, Seite 2329-2340

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